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Was ist Tantra?
Das Orginal von folgendem Text über das kaschmirische Tantra stammt von Daniel Odier.
Das Wort "Tantra" leitet sich aus der Wurzel "tan" ab, welches Ausdehnung, sich verweben, Ganzheit bedeutet. Dieser mystische Weg hat den Buddhismus und den Hinduismus stark beeinflusst, dabei aber seine eigenen Shivaitischen Merkmale behalten.Tantra wurde auf verschiedenen Wegen überliefert, von denen einige ihren Ursprung vor 5 bis 6000 Jahren im Indus-Tal hatten.
Tantra ist der Weg der Nicht-Dualität, der seinen Höhepunkt zwischen dem siebten und dem dreizehnten Jahrhundert im Königsreich Oddyâna, im benachbarten Kaschmir und, am anderen Ende des Himalaya-Gebirges, in Assam erreichte. Von Oddyâna aus führte im achten Jahrhundert Padmasambhava den Tantrismus im Tibet ein, in der gleichen Zeit, in der sich der Tantrismus durch ganz Indien und Nepal wie auch durch China, Japan und Indonesien ausbreitete.
Die Ausübung des kaschmirischen Yoga wird im Vijnânabhaïrava Tantra, dem ältesten uns überlieferten Text über das Yoga, beschrieben. Diese Ausübung bedeutet ein spontanes Erkennen unseres göttlichen oder absoluten Wesens, das sich im inneren Erschauern, Vibrieren der Nicht-Dualität manifestiert.
Die tantrische Suche ist vollständig auf die Vorstellung ausgerichtet, dass dem Geschöpf nichts hinzuzufügen oder wegzunehmen sei, da es die absolute Wesentlichkeit besitzt.Jenseits von Dogmen, Glauben, Religiosität, moralischen Vorschriften handelt es sich hier um eine ausgesprochen laizistische Askese, die vollständig in die Realität des täglichen Lebens integriert ist.
Es ist ein weiblicher, sphärischer Weg, der die Ganzheit der Geschöpfe einschließt und vollständig die Kraft der Frau anerkennt. Es ist ein Weg zurück zur ursprünglichen Quelle, zur Urzelle des Wesens, der die Ganzheit einschließt. Abhinavagupta, der große tantrische Philosoph, der im 5. Jahrhundert in Kaschmir lebte, gibt in einem seiner Gedichte die folgende wunderbare Definition des absoluten Weges:
„Stelle dich gleich außerhalb des geistigen Fortschreitens, außerhalb der Versenkung, außerhalb der kunstvollen Streitgespräche, außerhalb des Forschens, außerhalb der Meditation über die Göttlichkeiten, außerhalb der Konzentration und des Rezitierens von Texten. Sag, welches ist die absolute Wirklichkeit, die keinerlei Zweifel lässt? Höre wohl! Binde dich nicht länger an dies oder jenes, bleib in deiner wahren, absoluten Natur, spiele friedlich mit der Wirklichkeit der Welt."
Wir leeren unseren Geist von den Bindungen an starre Formen, indem wir dem Körper seinen königlichen Platz zurückgeben. Der Körper erfasst auf ganz natürliche Weise die Non-Dualität, während unser Geist sie nicht einmal wahrnehmen kann.
„Der Körper ist gesättigt von all den Wegen erfüllt von den verschiedenen Ausprägungen der Zeit, er ist der Ort all unserer Bewegungen im Raum. Der Körper trägt in sich alles Göttliche. Wer in den Körper eindringt, erlangt die Befreiung",
sagt Abhinavagupta. Wir erleben den Augenblick in der nicht-mentalen Gegenwärtigkeit, in der nackten Gegenwärtigkeit der Realität gegenüber, die sich der Spontaneität öffnet. Schließlich entsteht eine Freude, die nicht mehr von äußeren Umständen abhängt. Wir erreichen die
Freiheit.
Ein schöner Text über Shiva und den tantrischen Weg zum Erwachen:
Shiva, "der Gütige", ist nicht nur einer der vielen Götter. Er ist der Gott der Götter, der Urgrund alles Seins, die letzte und einzige Wirklichkeit. Die Welt und alle ihre Geschöpfe entspringen seiner ekstatischen Meditation. Die unendliche, immer wandelnde Vielfalt der Schöpfung ist seine Shakti, seine weibliche Schöpferkraft. So sehr liebt er sie, so sehr betört und fasziniert sie ihn, dass er sich vollständig in sie hineinergießt. Auf diese Weise wohnt Shiva in allen Wesen. Als Stein ruht er in tiefer Stille. Als Mücke, als Fisch, als Vogel tanzt er den Tanz des Seins, und schlägt selber die Trommel dazu. Als Raubtier streift er durch die Wälder. Als Kraut, Baum und grüner Halm, der im Sonnenlicht badet, genießt er die Welt. Als Mann und Frau in Liebeswonne, als Schamane im Geistesflug, als ich und als du - überall ist er. Es gibt nur ihn, und deswegen ist alles heilig, alles verehrens- und liebenswert. Wie ein Kind, das sich in seinem Spiel verliert, verliert sich Shiva in seiner tanzenden Shakti. So kommt es, dass viele Geschöpfe - insbesondere jene, die in menschlicher Gestalt auf Erden leben - ihr wahres Shiva-Wesen vergessen. Ihr Spiel wird todernst. Gefangen sind sie in Illusion und Wahn (Maya). Doch dann kommt Shiva, ihr eigentliches Selbst daher und befreit sie von dem Wahn, und lässt sie wieder in die universelle Wonne eintauchen.
Buchauszug aus: Wolf-Dieter Storl, Shiva der wilde, gütige GottMögen alle Wesen ihr wahres Sein erkennen.
Namasté
"Ich habe den Himmel gesehen, dann habe ich gespürt, wie etwas Friedliches in mir atmete, dann habe ich den Himmel in mir gesehen."